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Christus
gemeinsam sichtbar machen Fest
der Bewegungen, Münster, 11. 3. 2001 M
Du, wo sind
wir denn hier eigentlich? P
So viel
Leute habe ich bei der Predigt meist nicht vor mir! M
Ich glaube
auch nicht, dass wir hier predigen sollen. P
Richtig,
was haben wir denn hier eigentlich zu sagen - wir aus den alten
Gemeinschaften
Ihnen aus den jungen Gemeinschaften? M
Dass sich
unsere Ordensgründer, der hl.Franz
und der hl.Vinzenz, -
die wir ja in gewisser Weise vertreten - wohl
sehr über dieses Zusammentreffen freuen. Sie
alle hier haben einander eingeladen, die Mitglieder der ganz
unterschiedlichen
geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften, manche davon über
50 und fast 90
Jahre alt, andere noch keine 10 Jahre alt. Dazu ihre Pfarrer und
Ordensleute
und alle, die sich für diese neue kirchliche Realität
interessieren, allen
voran Ihren Bischof und den Superintendenten der evangelischen Kirche.
Was wir
im Video gesehen haben, die Schönheit der Kirche, ihre immer
neue Lebendigkeit,
das spiegelt sich in unserem Fest. Unsere Heiligen würden
staunen, in welch
vielfacher Weise Jesus in unserer Mitte sein will, nicht nur entlang
der
spannenden Geschichte der Kirche, sondern auch und gerade heute. P
Dass hier
so viele Gemeinschaften zusammengekommen sind, das fasziniert mich
auch. Warum
sind wir so viele? Wer sind wir - in unseren eigenen Augen - vielleicht
sogar: in
den Augen Gottes? M
Die
geistlichen Bewegungen sind - so haben wir es gerade vom Papst
gehört - Ausdruck
des charismatischen Lebens der Kirche. Das heißt,
alle, die zu einer der
hier vertretenen Bewegungen und Gemeinschaften gehören, haben
Anteil an einem
,,Charisma". P
Das
betrifft also nicht nur die Mitglieder der Charismatischen Erneuerung,
sondern
auch die anderen. M
Alle.
Charisma ist ein griechisches Wort und heißt: Geschenk. Das
Wort, von dem es
herkommt, heißt: charis,
und das bedeutet: Zuwendung,
Dienst in der Liebe; es steckt auch die Bedeutung Freude darin,
Schönheit,
Liebenswürdigkeit. P
Hat nicht
auch das Wort ,,Charm"
damit etwas zu tun? Ist
Gott charmant? M Ja,
auch. In
der kirchlichen Fachsprache nennen wir das etwas hölzern
,,Gnade" und
hören dabei diese Dinge leider nicht mehr mit. Ein Charisma
ist also ein
schönes Geschenk aus der liebenden Zuwendung Gottes. Alle Charismen haben einen gemeinsamen Ursprung: ,,In euch wohnt Gottes Geist" (Thema des Bühnenbildes). Alle Charismen sind Geschenke des Geistes Gottes. Von ihm kommt unser Leben und das Leben in unseren Bewegungen. Wir haben es nicht gemacht und können auch nicht darüber verfügen, sondern es nur immer neu von Gott her empfangen. In seinen Geschenken schenkt Gott sich selber. Das Geschenk ist zunächst für mich ganz persönlich (Gott schenkt immer, um mir ganz persönlich etwas Gutes zu tun!) und für die Gruppe, die es empfangen hat. Aber damit es fruchtbar werden kann, müssen wir es weitergeben: an die Kirche und an die Menschen. So kann sich aus dem Charisma eine Vision entfalten, eine neue Sicht für den Plan Gottes mit der Welt. Jeder Mensch und insbesondere jeder Getaufte bekommt sie. P
Und was ist
mit den Gemeinschaften? M
Außer diesen
persönlichen Charismen, von denen etwa Paulus im ersten
Korintherbrief redet,
gibt es auch solche Geschenke, die dazu da sind, um in der Kirche eine
Gemeinschaft,
ein Werk oder eine Bewegung entstehen zu lassen. Solch ein (Gründer-)Charisma
wird einem bestimmten Menschen gegeben, der jedoch
meistens bald eine
Gruppe von Freunden oder Freundinnen um sich hat. So war es etwa bei
Franziskus, der mit seinen ersten Brüdern die franziskanische
Bewegung ins Leben rief, die es nun schon seit 800 Jahren gibt. Und du
bist ein
geistlicher Sohn des Heiligen Vinzenz Pallotti,
dessen Charisma der Kirche vor 170 Jahren geschenkt wurde. P
Man könnte
sich einmal vorstellen, wie die Charismenlandschaft im Jahr 2.200 oder
gar
2.800 aussehen wird! M
Die
Phantasie Gottes wird die unsere noch weit übertreffen! Uns
alle hier - alte und neue, große und kleine ,,charismatische"
Bewegungen
-verbindet außer unserem Ursprung in der liebenden Zuwendung
Gottes noch etwas:
am Anfang unserer Bewegungen steht immer der Wunsch von Menschen, die
von Gott
fasziniert sind, das Evangelium radikal zu leben. Dieses
muss jedoch in
jede Zeit hinein wieder neu übersetzt werden. Und da hilft
Gott nun mit seinen
Geschenken nach denn ein Charisma hat die Kraft, das Evangelium wie neu
zu lesen
und zwar so, dass es wie Schlüssel und Schloss zur Situation
der Menschen
passt. Ein Charisma antwortet auf die Zeichen der Zeit, weil
es darin
Gott erkennen kann, der uns entgegen kommt. P So
könnte
man eine lange und spannende Geschichte erzählen, wie Gott
mit Hilfe seiner
Charismen das Evangelium in die Geschichte hineinbuchstabiert. Im
Film
vorhin haben wir ja etwas davon gesehen und vielleicht auch gestaunt
über diese
charismatische Seite der Kirchengeschichte. Und Gott buchstabiert heute
natürlich weiter, mit jedem von uns, mit einem bestimmten
Lebensstil, den wir
gemeinsam entwickeln, der am Evangelium orientiert und durch ein
Charisma
geformt ist. M Man
kann es
auch mit einem Bild unserer technologischen Welt sagen: Der Geist
Gottes
liefert durch die Charismen der Welt immer wieder ein Up-date
des Evangeliums. (Und Sie wissen, dass es gar nicht leicht ist, sein
persönliches System immer kompatibel zu halten. Und Gott ist
doch viel mehr als
die Firma Microsoft der, der immer neu ist!) Nun gibt es nichts
Vielfältigeres
als das Wirken des Geistes - Paulus spricht einmal von der ,,Vielbuntheit" der Weisheit
Gottes (Eph
3,10). Die Charismen Gottes sind so vielfältig wie das Wirken
Gottes
erfinderisch und die Freiheit des Menschen einmalig ist. Die Erfahrungen des
Evangeliums sind deshalb
unterschiedlich; jedem geht
eine andere Seite Gottes in besonderer Weise auf, ein ganz bestimmter
Aspekt im
Leben Jesu wird lebendig, ein bestimmtes Wort wird zum
Schlüssel der
Lebensdeutung und der Deutung der Welt. P
Was war ein solcher Schlüssel für
Franziskus? M
Für
Franziskus war es die Armut und Demut Gottes. Er sah sie in der
Menschwerdung
Jesu und in seiner Liebe am Kreuz und konnte nicht aufhören,
darüber zu
staunen. Er weinte, weil die Liebe Gottes nicht geliebt wurde; Ignatius
wollte
nach einer erschütternden Gotteserfahrung
dem kreuztragenden
Christus folgen und im radikalen Gehorsam
Gott gegenüber die Menschen zu Gott führen. Die
großen Gründer und Gründerinnen
der kontemplativen Orden hatten den Wunsch, mit Christus in der
Einsamkeit und
im Schweigen des Gebets in das Geheimnis seiner Liebe zum Vater
hineinzutauchen. Andere wiederum spürten, dass sie sich mit
Christus bis an die
Grenzen der Erde aussenden lassen mussten, wie z.B. Vinzenz Pallotti. P
Er war
davon überzeugt, dass alle Menschen aufgrund ihrer Gottebenbildlichkeit
dazu berufen sind, die universale Liebe Gottes und seine
große Barmherzigkeit
weiterzugeben. M
Die Heiligen
sind wie ein
großen Kommentar des Lebens, den der
Heilige Geist zum Evangelium schreibt. P
Sie zeigen
uns, dass die Charismen vielfältig und deshalb erfrischend
,,einseitig"
sind - dass sie das Ganze des Evangeliums von jeweils einer
ganz bestimmten
Seite beleuchten. So hat jedes einerseits mehr als die
anderen,
andererseits auch wieder weniger. Keiner hat alles, und keiner hat
nichts; so
verteilt der Geist seine Gaben. M Wir wollen deshalb nicht nur auf die großen Heiligen schauen, sondern auf uns. Ich würde Sie gerne fragen: Welches Wort des Evangeliums oder welche Seite Gottes ist in Ihrer Berufung oder in Ihrer Bewegung/Gemeinschaft besonders lebendig? Oder, wenn Sie nicht zu einer Gemeinschaft gehören, welches Wort der Schrift hat Sie schon einmal betroffen gemacht, lässt Sie vielleicht nicht mehr los? Gönnen wir uns einen Moment der Stille und spüren dieser Frage nach (Eine
kleine Meditation miteinander: Kurze Stille, dann Murmelgruppen, insges. 4 Min) --------------------------- (evtl. Lied??) Was
käme heraus, wenn wir jetzt austauschen könnten? Wenn
wir diese vielfältigen
Geschenke miteinander betrachteten? Christus! Denn
in jedem dieser
Charismen bekommt Christus eine neue Gestalt, wird Christus sichtbar.
(Hinweis
auf die Christusikone auf der Bühne.) Das ist der Kern der
Charismen: Das
Geschenk aller Geschenke Gottes - Christus - wird gegenwärtig
gesetzt durch den
Geist Gottes, der ihn in der Kirche als Ganzer, in einzelnen Menschen
und in
Gruppen von Menschen gegenwärtig werden lässt. ,,Im
Geist" ist der
Auferstandene unmittelbar gegenwärtig, und zwar in uns und
unter uns (auch
jetzt in Hiltrup 2001). P
Diese große
Bewegung der Sichtbarmachung
Christi durch den Geist
geht durch die ganze Geschichte, wie wir gesehen haben. Sie beginnt mit
den
Aposteln und setzt sich fort in den Heiligen, in den bekannten und in
den
unbekannten. Sie wissen, dass das Konzil uns alle zur Heiligkeit
beruft! In
einem Vorbereitungsdokument zur Ordenssynode 1994 heißt es:
,,Die Nachfolge in
der Jüngerschaft... erscheint ... wie ein Evangelium, das sich
in Raum und Zeit
entfaltet, (wie) ... Christus, der in der Kirche durch die Charismen
der
Heiligen gegenwärtig gesetzt wird" (Instr. lab. 43). M
Auch in den neuen Charismen, die durch Sie
hier vertreten
sind, entfaltet sich
Christus, bekommt er eine neue Gestalt und zwar für unser
Jahrhundert. Dies macht
die Schönheit unseres Treffens hier aus: Wir sehen in einander
einen Wiederschein
Christi, wie er sich in unsere Zeit hinein
entfaltet. Ich kenne nicht alle Ihre
Gemeinschaften und Charismen und kann deshalb nur Beispiele nennen,
wenn ich
sozusagen Christus beschreiben wollte, wie er hier zu sehen ist. Sehen
Sie sich
aber alle in diesem Bild ,,drin": Unter uns ist P Unter
uns ist Christus, der den Vater um
die Einheit bittet und sie im Augenblick seiner
größten Liebe, in der
Verlassenheit am Kreuz, der Welt schenkt. M
Unter uns ist Christus, der die Menschen
zur wahren Gotteskindschaft
befreit und sie lehrt,
Kinder des einen Vaters im Himmel zu sein; der uns dazu seine Mutter
gibt. P
Unter uns ist Christus, der arm und
verachtet, behindert, ausgegrenzt und gefangen ist und der alle
Menschen als
Arme in seine neue Gemeinschaft ruft. M
Vielleicht ahnen Sie bei dieser
Betrachtung, was durch das Wirken des Geistes in den Charismen
geschieht: die
Kirche als die Braut Christi wird immer tiefer in das Leben Christi
hineingeführt; sie soll durch diese Geschenke Gottes immer
mehr - wie es in der
mystischen Tradition der ,,alten Charismen" heißt, die ich
auf unser
heutiges Fest beziehen will - ein anderer Christus werden. P
Christus ist aber immer ganz konkret;
deshalb können wir uns jetzt in einem zweiten Teil fragen, wie
Gott sein
Evangelium heute buchstabiert, wie die Christusgestalt der Kirche heute
aussieht? Was Können wir davon erkennen? Vorab, ich möchte das ganz
dick
unterstreichen, was Du gerade gesagt hast: Es geht um den
fortlebenden
Christus. In seinen Gaben, in unseren Fähigkeiten,
in der Lebendigkeit
unserer Gemeinschaften schaut Er uns an, redet Er zu uns, ruft Er uns
zur
Umkehr, hält Er mit uns Mahl, versöhnt Er uns mit
Gott, und Er - heilt. So wie
vor 2000 Jahren, als das ganze Volk die Kranken zu ihm brachte. Und wenn er heute Gemeinschaften
ins
Leben ruft, haben diese wohl eine Sendung zum Heil, einen
Heilungsauftrag. Umgekehrt, wo das Heilwerden von Menschen geschieht,
da
erfüllen Gemeinschaften ihre Sendung, nach innen und nach
außen. M
Beim Stichwort Heilung denken wir meistens
zunächst an Krankheit... P
Heilung meint aber mehr. Wie es im
Glaubensbekenntnis heißt: Propter
nostram salutem - der Wahlspruch deines neuen
Bischofs
von Schwaben; zu deutsch: um unseres
Heiles willen ist
Gott Mensch geworden. So wie es in der Geschichte mit dem
Gelähmten geschieht, für den seine Freunde Jesus ja
sogar aufs Dach steigen.
Und da spricht Jesus zuerst das Wort der Vergebung und dann kommt
dieses wunderbare
Wort: Steh auf, nimm Deine Bahre und geh nach Hause! M
Mir fällt auf, dass der Glaube der Freunde
des Kranken für Jesus eine wichtige Rolle spielt. Und noch
eines, dass Schuld
und Krankheit, inneres und äußeres Gelähmtsein hier
ganz eng zusammen gehören. P
Denn Leib
und Seele sind eins; das wird ja auch in der Medizin mehr und mehr
erkannt, und
man sieht es auch vielen Menschen richtig an, wie sie im Herzen
verletzt sind.
So manche Lebensgeschichte ist gebrochen, und die Sehnsucht nach
Gemeinschaft
hat oft im Hintergrund das fehlende Erlebnis von Ursprungsgemeinschaft,
von
Familie, von Geborgenheit. Ich
glaube, da ist der heilende Jesus heute ganz
präsent: wenn Menschen bei
uns erfahren, dass sie in einer Gemeinschaft wertgeschätzt
werden, wenn sie im
gemeinsamen Beten, im Lobpreis, in der Anbetung spüren
dürfen, wie innere
Wunden heilen, wie der Glaube und das Beten der anderen, ganz wie im
Evangelium, das heilende Handeln Jesu mit trägt. Wie auf
einmal das aus Angst
und Absicherung gebaute feste Haus um mich herum sich öffnet,
wie der Blick
sich weitet, der Himmel aufgeht. M
Diese
Erfahrung machen auch wir in unseren Gemeinschaften: Wenn Jesus
suchende
Menschen zu uns führt, dann bittet Er uns, dass wir mit
diesen Menschen
einen Weg des Heilwerdens gehen. Dass wir uns mit ihnen Ihm,
dem Heiland,
hinhalten; mit ihnen auch unsere eigenen Verletzungen und Grenzen
spüren und
aushalten, zu einer Heilungs- und Versöhnungsgemeinschaft
werden. Das
bedeutet Gebet und viel Zeit für Gespräche. Das
bedeutet, den ganzen Ballast
ernst nehmen, den diese Menschen mit bringen. Bekehrung und Heilung ist
ein
Weg, geschieht nicht von heute auf morgen. Selbst ein
gefühlsmäßig starkes
Erlebnis von Nähe Gottes, von Umkehr, von Einheit, von Heil
will eingeholt, ins
Leben umgesetzt werden. Und verachten wir dabei auch nicht, was Medizin
und
Psychologie uns an Hilfen anbieten. Oft ist nur im Miteinander von
solcher
Hilfe und dem konkreten Leben, Beten und Begleitung in Gemeinschaft ein
wirklich menschlich -spirituelles Reifen möglich; dann
können Gefühle,
Gedanken, Erinnerung, Herz und Verstand zueinander finden. P
Apropos
Verstand: Über eines freue ich mich in diesem Zusammenhang
besonders: Dass
die Kopflastigkeit der west-europäischen Kirche in
den jungen Gemeinschaften
ausgeglichen wird. Dass hier die Welt eines glaubenden
Herzens, eines
Glaubens aus und mit dem ganzen Herzen sich neu auftut. Mit wie viel
Unbefangenheit und Freude sprechen da Menschen von Gott und Seinem
Wirken in
ihrem Herzen! Und wie viel Weisheit wird deutlich da, wo Gemeinschaften
zu
lernen beginnen von behinderten Menschen, von den Armen und Fremden in
unserer
Gesellschaft! Wo sie in diesen den Herrn entdecken und auf einmal von
Schenkenden zu Beschenkten werden! Und nicht aufhören
können, von dem zu
künden, wovon das Innere voll ist. Umgekehrt
bedarf das Innere des Menschen der Klugheit des Verstandes, der
unter-
und entscheidet. Auch die Welt der Gedanken und Ideen will geheilt
werden.
Theologie aus dem Glauben und in Gemeinschaft, so wie es in den ersten
Jahrhunderten die Regel war, ist heilsam, ordnet, führt tiefer
in das
Geheimnis. Gedanken
führen weiter, wenn sie für das Undenkbare
öffnen, faszinieren. Ob die
Ordenshochschulen in Deutschland, und von einer derer kommen wir beide
ja, hier
eine Zukunft haben, vielleicht zusammen mit Ihnen, Gottsuchern in
Gemeinschaft?! M
Gottsucher
in Gemeinschaft, das gefällt mir, das verbindet uns doch alle.
Gottsucher in
Gemeinschaft - wäre das nicht auch ein Ausweg aus dem Dauerkonflikt
zwischen
Selbstverwirklichung und Gemeinschaft, Individualismus und Dienst? Auch
hier hilft natürlich kein Schwarz - Weiß - Denken.
Es entspricht der Würde
jedes einzelnen, das Ebenbild Gottes in sich auszu"bilden".
Er kann auch in Gemeinschaft nur das sein und nur das geben, was er in
sich
selbst als Charisma, als Zuwendung und Gabe Gottes hat Wirklichkeit
werden
lassen. Wir
brauchen in unseren Gemeinschaften erwachsene, reife, im Gebet und im
Leben
erfahrene, beziehungsfähige Menschen. P
Für uns
ältere ,,Familien Gottes" hat da das Konzil eine
wichtige Wegkreuzung bedeutet.
Damals, vor 40 Jahren, haben wir angefangen, uns bewusst zu machen,
dass es in
unseren Hausgemeinschaften oft viel Struktur und wenig Leben gab, dass
da oft
entschieden und gehorcht wurde ohne gemeinsames Hören, dass so
mancher Teil der
Ordensregel mehr dem Buchstaben als dem Geist nach befolgt wurde. Wir
haben
gelernt, bei Entscheidungen die Betroffenen von Anfang an mit
einzubeziehen.
Wir haben Versammlungen eingerichtet, in denen die Ideen, Vorstellungen
und
Einwände von vielen gehört und
berücksichtigt werden. Es ist mühsam und
schön.
Mühsam, weil es viel Zeit und liebende Offenheit für
die Verschiedenheit der
einzelnen fordert. Schön, weil nach einem scheinbar wilden
Durcheinander von
Vorstellungen oft etwas ganz Neues, Gemeinsames entsteht, wo dann
viele,
manchmal sogar alle sagen: Darauf kann ich mich von ganzem Herzen
einlassen. M
Das sind
ganz wichtige Prozesse, man muss nur aufpassen, sonst kommt man am Ende
nicht
mehr dazu, den Blick über die eigenen Kloster- oder
Gemeinschaftsmauern hinaus
zu richten, weil man nur noch die Probleme der eigenen Gemeinschaft
vor- und
zurück wälzt und nicht mehr danach fragt:
Für wen wollen wir als Gemeinschaft
eigentlich da sein, zu wem wissen wir uns gesandt? P
Viele von
Ihnen stehen ja Ihren Mann und Ihre Frau da, wo Kirche sonst ganz wenig
präsent
ist. Wenden sich Menschen zu, denen kirchlich - traditionelle
Räume eher fremd
sind. Sind Zellen von Kirche, oft auf ungewohnte, radikale,
herausfordernde Art
mittendrin. Laden ein, junge Kirche als Gemeinschaft zu erleben. Wo ist
das
denn sonst heute noch möglich? Ich denke, das kommt indirekt
auch der
Ortskirche zugute. Christen, die Jesus in der Mitte der Gemeinschaft
begegnet
sind, werden ihn suchen wo immer sie stehen und leben. Werden
sensibel für Seine verborgene Gegenwart auch in den
mühsamen Wegen alltäglichen Christseins. M
Bewegungen
und Ortskirche, da gibt es vermutlich unterschiedliche Erfahrungen hier
im
Saal. P
Ich bin
überzeugt: Weder ist die Ortsgemeinde der einzige
Ort christlichen Lebens
noch sind Bewegungen und Gemeinschaften die Wundermedizin für
die pastoralen
Nöte von heute. Vielleicht sind sie aus ihrem
gewollten und akzeptierten
Eigenleben heraus so etwas wie eine Geistesquelle, ein Kraftreservoir,
eine
Glaubensschule. Und
bitte kein Konkurrenzdenken! Nicht zwischen Bewegung und Ortskirche,
nicht
zwischen alten und neuen Gemeinschaften, nicht zwischen kontemplativ
und
apostolisch Lebenden, auch nicht zwischen sogenannten Konservativen und
Progressiven. Mir scheint, dass Gott in Seinem Wirken immer
Spannungen
einbaut, die
zusammengehören und nur dann einen Sinn machen. Und
wir - wir trennen das
oft, sehen nicht mehr die feinen Fäden, die zwischen allem
nicht erst noch
geknüpft werden müssen, sondern schon längst
da sind. M
Ist das
nicht an Pfingsten 1998 sehr schön sichtbar geworden? P
Deshalb
möchten wir zum Schluss gerne noch etwas über das
Miteinander im Leib Christi
sagen. Die ,,Ökumene" unter den Geistlichen Bewegungen ist an
Pfingsten
1998 wirklich in eine neue Phase getreten - unser Fest ist eine Frucht
davon.
Mir scheint, dass dies
ein extra Geschenk für die Bewegungen und für die
Kirche ist - vielleicht das Jubiläumsgeschenk
für die Bewegungen.
Denn wenn alle Charismen verschiedene
Gestalten des Einen Christus sind, wenn sie alle eine bestimmte Seite
des
Evangeliums buchstabieren (Blick auf Ikone und Evangeliar), dann
braucht es die communio
unter den
Charismen, damit der ganze
Christus, den wir miteinander darstellen, für die Welt
sichtbar wird. Was
Paulus für die Geistesgaben der Einzelnen sagt, gilt auch
für die großen
Charismen von Gemeinschaften und Bewegungen: Gem
Sie
sind auf die Einheit
der Charismen im Leib Christi hin
angelegt (1 Kor
12). M
In unserer franziskanischen
Schwesterngemeinschaft haben wir dies in
den Jahren seit dem Konzil erfahren dürfen. Wir mussten uns
irgendwann
eingestehen, dass wir uns nicht aus eigener Kraft erneuern
können, wie es das
Konzil von uns wünscht: Aus den Quellen und aus der
Berührung mit der Welt von
heute. Dann merkten wir, dass uns die Gaben, die Gott heute der Kirche
schenkt,
helfen, um das Evangelium und auch Franziskus heute zu verstehen. Die
Berührung
mit anderen Charismen - und das war keineswegs immer ein
spannungsfreier Prozess !!
- hat uns mit der Zeit unsere eigenen, franziskanischen
Wurzeln neu entdecken und tiefer verstehen
lassen. Wir verdanken viel der Bewegung für eine bessere Welt
(P. Lombardi), der ignatianischen
GCL, der Charismatischen Erneuerung, der Fokolarbewegung
und der Schönstattbewegung. Durch die Herausforderung der
Bewegungen sind wir
bessere Franziskanerinnen geworden - so hoffen wir jedenfalls. Wir
mussten aber
lernen, dass wir nie sagen dürfen: wir haben doch unsere
Spiritualität, das
genügt. Nein, gerade um als Franziskanerinnen lebendig zu
bleiben, brauchen wir
die lebendige Gemeinschaft mit den anderen Charismen in der Kirche. P
Viele
Berufungen kommen aus den neuen geistlichen Bewegungen und haben dort,
und
nicht durch Ordensleute, eine Erfahrung mit dem lebendigen Gott
gemacht. Und
sie suchen dann dieses Leben in den Orden: das gemeinsame Leben mit dem
Wort
Gottes, die Anbetung, das Teilen der geistlichen Erfahrungen in der
Gemeinschaft, das gemeinsame freie Gebet, Jesus unter uns. M
Ich habe den
Eindruck, dass es Gott gefällt, dass sich alte und neue, alte
und alte, neue
und neue Charismen berühren, ja, dass er gerade dies heute von
uns wünscht.
Deshalb freue ich mich ehrlich gesagt auch, wenn wir die
Schätze unserer
Tradition mit den jüngeren Geschwistern teilen
können: Wenn z.B. das
Leitungsteam einer jungen Gemeinschaft in unserem Kloster Exerzitien
macht,
wenn Mitglieder aus neuen geistlichen Bewegungen, die oft ja an
vorderster
Front in der Welt stehen, den Raum der Stille und der Anbetung oder des
geistlichen Gesprächs bei uns finden, oder wenn Sie heute uns
beide zu Ihrem
Fest einladen. P
Auch im
Apostolat gibt es sehr ermutigende Beispiele des Miteinanders. Man
könnte viele
schöne Dinge erzählen, z.B. dass wir beide jetzt an der
selben Hochschule tätig sind zusammen mit
Vertretern aus anderen Orden
und geistlichen Bewegungen. M
Auf diesem
Weg sind wir aber immer wieder auf den gleichen Punkt
gestoßen. Es geht nicht
um eine ,,Fusion" im Sinn größerer
Effektivität oder Schlagkraft nach
außen, nicht einmal im Blick auf unsere heiligsten Ziele
(Evangelisierung,
Erneuerung der Kirche, Einheit der Welt...), sondern um einen
geistlichen Weg,
wieder um nichts anderes als den Weg Christi. Wie ist denn Jesus mit
seinem
,,Charisma" umgegangen? Sein Charisma, wenn man so sagen kann, war
seine
Beziehung zum Vater, zu seinem Abba. Und dann? ,,Er
war wie Gott, hielt aber dieses Gott gleich sein nicht fest wie einen Es
braucht die Gesinnung und den Mut Jesu, das eigene Geschenk, unser
Charisma,
nicht ängstlich festzuhalten, sondern es in einen gemeinsamen
Weg der Suche
nach dem ganzen Evangelium hineinzugeben, es zu riskieren oder in
gewisser
Weise sogar zu ,,verlieren". P
Dabei
ereignet sich keine Gleichmacherei, sondern etwas Neues, das Gott
wirken kann,
wenn sich Menschen - oder eben Bewegungen, Gemeinschaften, auf eine
wirkliche
Begegnung einlassen. Was
geschieht denn da, wenn das passiert, wenn wir die Welt mit
den Augen des
anderen sehen, uns selbst vergessen, die Wege verlassen und
neu beginnen,
ganz neu, wie es in einem Lied heißt? Sehen
Sie, das wüssten wir alle ja so gern. Aber keiner sieht vorher
das Neue schon.
Und deswegen fällt es vielen so schwer. Die Angst, irgend
etwas Kostbares, was wir für unsere
Identität halten, zu verlieren, die
ist ganz tief in uns drin. Und deswegen kocht jeder sein eigenes
Süppchen,
jeder Einzelne und oft auch jede Gemeinschaft, die sich nicht von
anderen in
die Karten schauen lässt. Hinzu
kommt oft noch unsere eigene Binnensprache. Ist nützlich, weil
sie für die
ganze Gemeinschaft prägende Erfahrungen, geistliche Inhalte in
wenigen Worten
zusammenfasst. Ist schwierig für die Verständigung,
manchmal schon von alt nach
jung innerhalb ein und derselben Gemeinschaft. Was
können wir tun, um die Distanz zu verringern? Begegnungstage wie heute sind
gut, bestärken, öffnen die Augen. Aber um Einheit zu
leben, einladende Einheit,
bedarf es des inneren Lichtes, dass wir nur im Miteinander der
verschiedenen,
jeweils ,,einseitigen" Gnadengaben das Antlitz Christi widerspiegeln
können. Und da braucht es das Miteinander des
täglichen Lebens. Wäre es nicht
schön, wenn es einen oder vielleicht noch mehr Orte
gäbe, wo Mitglieder verschiedener
Bewegungen verbindlich zusammen leben. Da könnte dann am
ehesten das passieren,
dass einer, der das Charisma seiner Familie ganz in sich
eingefleischt hat,
dieses an einen anderen gibt, und dafür dessen Gabe, dessen
Spiritualität
empfängt. Wer
verliert hier, wer gewinnt? Was entsteht? Wer weiß das vorher? M
Aber dazu
bedarf es ganz viel Kraft von oben. Und die wichtigste Kraftquelle
für diesen
Weg ist das, was quer durch alle Gemeinschaften aufstrahlt: die
Eucharistie. Wo
wir unser Leib-Christi-Sein
feiern. Wo wir in der
Aussetzung uns selber Ihm aussetzen. Wo wir Ihn und in Ihm auch
einander
kommunizieren. Wo wir hören: . . .mein
Leib, der für
euch hingegeben wird; mein Blut, das für euch und für
alle vergossen wird zur
Vergebung. Wo genau das, Vergebung, Lösung, Heilung,
geschieht. Wo wir
eingeladen sind, uns in das Für Jesu hinein nehmen zu lassen. In
der Lebenshingabe Jesu für alle Menschen ist alles Miteinander
schon begründet.
In unserer Teilnahme an Jesu Sterben und Auferstehen gilt
es, dieses
Miteinander zu entdecken und zu leben. Dabei müssen und
dürfen wir immer wieder
unsre menschlichen Grenzen überschreiten, als Einzelne und als
Gemeinschaft.
Das braucht Fingerspitzengefühl und Demut. P
Jesu
Sterben und Auferstehen für alle. Wirklich für alle
Menschen. Wie viel guter
Wille ist in der Menschheit vorhanden! Leider beeindrucken
uns ja viel mehr
die Ereignisse, denen guter Wille fehlt. Könnten wir eine
innere
Nachrichtensendung empfangen, in der alles vorkommt, was so an einem
Tag aus
gutem Willen entstanden ist auf der ganzen Erde, wir würden
staunen. Und noch
mehr wohl darüber, wie dieser Wille weltweit Können
wir in all dem Christus sehen, wie er sich
abmüht für uns Menschen? Uns
selbstlos über das Gute freuen, wo immer es ist? In der
Erkenntnis, dass es bei
den großen Anliegen unserer Zeit (Frieden, Gerechtigkeit,
Schöpfung,
Menschenwürde, Sinnfrage, Heilwerden) schon längst
nicht mehr um die immer
begrenzte Sorge einer Gemeinschaft, einer Kirche, einer Religion geht,
sondern
um Fragen der ganzen Menschheit? M
Sehen Sie,
wir, die Kirche, wir brauchen gelebte Beispiele, dass dies
möglich ist. Dass es
wirklich Jesu größte Sehnsucht ist, dass die Seinen
eins sind. Und dass
Menschen, die sich in diese Sehnsucht hinein verschenken, zu
Ergriffenen
werden. Und
neben allen pastoralen und strukturellen Bemühungen ist es
wohl unersetzlich,
dass es an möglichst vielen Orten möglichst viele
Gemeinschaften von Christus -
Ergriffenen gibt. Das verleiht allem Tun und allem Lassen eine andere
Qualität,
und die liegt nicht so sehr in den Worten, sondern vielmehr in den
Zwischenräumen der Worte. Und
deswegen machen wir auch hier Schluss und wünschen uns mit
Ihnen, dass diese
Ergriffenheit uns die Augen öffne für das Wunderbare,
das Jesus in Seiner
Kirche wirkt, an so vielen Orten und heute, ganz besonders, auch hier. Sr. Margareta Gruber OSF P. Paul Rheinbay SAC Theologische Hochschule Vallendar
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